Transgenerationales Trauma
Aktualisiert: 23. Sept.
Transgenerationale Traumata entstehen durch unbewältigte Erlebnisse früherer Generationen und können sich noch heute in uns zeigen. Oft beeinflussen sie unser Leben, unsere Entscheidungen, Beziehungen, unser Selbstbild und Lebensgefühl.
WENN DU EINE FAMILIENREGEL FÜR DEINE PERSÖNLICHKEIT HÄLST
Das Erbe in dir
Die Auswirkungen transgenerationaler Zusammenhänge können so tief mit den eigenen Gefühlen, Reaktionen und inneren Konflikten verknüpft sein, dass wir sie als selbstverständlich für unsere eigenen Themen halten.
Sie können sich häufig als eine Art innere Regel, Glaubenssatz zeigen. Als ein "das war schon immer so".
Wir denken und handeln nach "Vorschriften", deren Ursprung wir nicht kennen.
HIERZU EIN ABSTECHER IN DIE PRAXIS
Es war einmal eine junge, sehr reflektierte Frau, Jana. Sie hatte schon einiges über sich gelernt und erarbeitet und konnte viele ihrer inneren Prozesse gezielt ausdrücken.
An diesem Tag brachte sie eine neue Erkenntnis mit: Sie trägt Wut in sich.
Klingt womöglich unspektakulär, doch für einen Menschen, der dieses Gefühl sein Leben lang von sich fernhielt, ist dies eine bedeutende Erkenntnis.
Bis vor kurzem nahm sie diese Wut nicht wahr, weder in sich, noch in ihren bewussten Äußerungen. Überall dort, wo ihre Wut eigentlich anwesend war, entwickelte sich eine Art "blinder Fleck" in ihrer Selbstwahrnehmung.
Doch nun hatte die Wut einen Weg in ihr Bewusst-sein gefunden.
Daneben gab es ein Gefühl, das Jana sehr gut kannte: Scham. Sie begleitete sie schon lange und tauchte in ganz unterschiedlichen Situationen auf.
Das Gefühl, noch nie richtig in das Familiensystem gepasst zu haben
Ihre Mutter scheint durch die Selbstbestimmtheit ihrer Tochter immer wieder peinlich berührt zu sein (Jana ist die erste weibliche Doktorandin in der Familie)
Manchmal schämte sich Jana für sich selbst
Und immer wieder fühlte sie sich durch die anhaltende Kritik ihrer Mutter beschämt.
Wut und Scham waren damit sehr persönliche Themen in Janas Leben. Zumindest schien es so.
Dass Wut und Scham darüber hinaus miteinander verstrickt waren, stellte sich später noch heraus.
TRANSGENERATIONALES TRAUMA
Was ist das?
Ein Trauma einer früheren Generation.
Verschwiegen und nicht verarbeitet.
Denn nur weil man über etwas nicht spricht, lösen sich die Themen nicht einfach auf.
Das Verschwiegene wird trotzdem weitergegeben und kann sich hartnäckig in der Familienstruktur halten. Die emotionalen Folgen eines Traumas von damals können in uns weiterleben, obwohl die Nachkommen das ursprüngliche Erlebnis selbst nie erfahren und die Vorfahren nicht einmal kennengelernt haben.
Transgenerationale Traumata entstehen durch extrem belastende, unbewältigte Erfahrungen: Krieg. Flucht. Vertreibung. Gewalt. Missbrauch. Vergewaltigung. Armut. Misshandlung. Ausgrenzung. Tod. Verbrechen.
Blieben diese Erfahrungen unverarbeitet, lösten sie eine emotionale Weitergabe aus. Eine unsichtbare Kettenreaktion im Familiensystem.
Allerdings lässt sich heute nicht so einfach sagen: "Meine panische Angst, vor einer Gruppe eine Präsentation zu halten, ist ein transgenerationales. Sie kommt daher, weil mein Ur-Großvater seine Todesängste, im Schützengraben entdeckt zu werden, nie verarbeitet hat."
Meistens ist uns unbekannt, welche unverarbeitete Erfahrung im Familiensystem so schwer wiegt.
WIE AUS EINEM TRAUMA EINE FAMILIENREGEL WIRD
Kettenreaktion - Was einst Schutz war, wird zur Prägung.
Doch was hat nun das offensichtlich Persönliche und Aktuelle mit dem Trauma eines Vorfahren zu tun, den wir womöglich nicht einmal kennen?
Ganz trocken und nüchtern erklärt:
Durch das Unverarbeitete und Beschwiegene kann eine Art Kettenreaktion entstehen, der alle nachfolgenden Generationen unterliegen.
Aus einem Trauma wird ein vermeidendes Vorbild. Aus einer Vermeidung wird eine Regel.
Generation „null“ erlebt ein Trauma, kann weder darüber sprechen noch es verarbeiten. Das Erlebte hinterlässt Spuren im Innenleben: Emotionale „Symptome“ und innere Bewältigungsstrategien entstehen.
Generation „1“ wächst damit auf. Für sie entsteht eine Atmosphäre, die auf der Gefühlsebene zu unausgesprochenen Regeln führt und ähnliche Emotionen und Verhaltensweisen bewirkt.
Durchläuft Generation „2“ eine ähnliche Prägung, sind diese Regeln verinnerlicht. Sie werden ausgeführt und nicht infrage gestellt.
Mit den Generationen „3“ oder sogar „4“ verändern sich Zusammenhänge und Auswirkungen. Doch das damalige Trauma kann durch das entstandene Familienmuster weiterhin „am Leben gehalten“ werden.
So können wir unbewusst nicht nur mit unseren eigenen emotionalen Wunden konfrontiert sein, sondern auch etwas aus Generation „null“ weitertragen, ohne davon zu wissen.
DAS ERBE IN DIR
Die Auswirkungen
Dennoch bleibt die Frage offen: Was bedeutet dieses emotionale Erbe für uns heute?
Ein transgenerationales emotionales Erbe kann sich in weitaus mehr zeigen als Wut oder Scham. Auch eine tiefe Angst, Schuld, ein Gefühl von Verpflichtung oder Schwierigkeiten in Beziehungen können für uns "unlösbar" erscheinen.
Hast du den intuitiven Verdacht, dass unverarbeitete Erfahrungen in dir spürbar sind, dann achte auf Wiederholungen innerhalb der Familie. Bei den Eltern, den Kindern, Geschwistern, Tanten, Onkeln....
Sind mehrere Traumata miteinander verknüpft, höre ich manchmal sogar Sätze wie: "als läge ein Fluch auf unserer Familie".
THEMEN DIE STÄNDIG PRÄSENT WAREN
Auch bei Jana gab es eine ganze Reihe an Themen, die sie aus ihrem Leben kannte:
die Scham und das Bedürfnis perfekt zu sein
sich in Konflikten am liebsten verstecken, besser noch vermeiden
keine Unterstützung in der Entwicklung zur Frau erhalten zu haben
die Energie der Wut unterdrücken
die Schwierigkeit, Zugang zu Männern zu finden
und diese fast undefinierbare innere Reaktion, wenn über Gewalt an Frauen und Kindern berichtet wird
Bis dahin standen diese Themen nebeneinander. Was sie miteinander zu tun hatten und woher sie kamen, war noch nicht klar.
DIE VERFAHRENE DYNAMIK TRANSGENERATIONALER TRAUMATA
Ist mein Thema ein transgenerationales?
Nicht jeder familiäre Konflikt, oder innere Zerrissenheit ist ein transgenerationales Trauma.
Die Ebenen sind häufig vielschichtig und miteinander verbunden:
Ein Teil gehört zu deiner eigenen Biografie.
Ein Teil ist durch Erziehung und Prägung entstanden.
Ein Teil kann aus dem emotionalen Erbe stammen.
Es gibt jedoch Hinweise, bei denen eine tiefgreifende Verstrickung dahinterstecken kann:
Unverhältnismäßigkeit
Wenn eine Situation objektiv klein ist, innerlich aber eine massive Reaktion wie Verrat oder Schuld auslöst.
Wiederholung im System
Wenn du merkst, dass ein Thema bei dir und anderen Familienmitgliedern auftaucht, wird es spannend.
fehlende biografische Erklärung
Wenn du in deiner eigenen Lebensgeschichte keinen klaren Ursprung findest, dein Körper oder dein Gefühl aber stark reagiert.
Vor allem dann, wenn du Sätze in dir trägst, die sich alt anfühlen: "Ich darf niemandem zur Last fallen.“ "Hier stimmt was nicht." "Ich muss stark sein.“ "Ich darf nicht mehr wollen.“
innere Rolle
Welche Funktion übernimmst du unterbewusst in deiner Familie?
Trägst du Schuld? Hältst du Harmonie? Vermittelst du? Bist du die/der Starke? Die Vernunft? Trägst du das Schweigen? Hältst du alles zusammen?
Wenn diese Rolle älter ist als deine Entscheidung, kann etwas im Verborgenen darunter liegen.
Auch starke Ablehnung, umfassende Verantwortungen, unerklärliche Widerstände und Suchtverhalten können auf transgenerationale Aspekte hindeuten.
Eine Aufstellung kann helfen. Dann zeigt sich:
Was gehört zu dir?
Was hast du übernommen?
Was hängt an einer alten Familiengeschichte, die nie betrauert, ausgesprochen oder verarbeitet wurde?
Unsere Familiengeschichte schwingt mit. Und manches bleibt so lange erstaunlich lebendig, bis irgendwann jemand fragt: Was passiert hier eigentlich seit Generationen?
DIE AUFSTELLUNG BRACHTE ERKENNTNIS
Bei Jana zeigte sich eine Verstrickung ganz deutlich, als wir uns inmitten einer intensiven 1:1 Arbeit befanden.
Wir hatten einige aktuelle Positionen gestellt. Eine jedoch hatte es besonders "in sich".
Auf verblüffende und zugleich dramatische Weise wurde deutlich, dass nicht nur die Scham zur Mutter gehörte. Erstmals war dort die gewaltige Wut spürbar.
Janas Vorarbeit - das Erkennen und Bewusstmachen des "blinden Flecks" - machte es möglich.
Die Wut war also nicht Janas alleinige. Sie war kein Resultat ihres Schmerzes. Diese Wut war älter als sie. Bisher verborgen, verdrängt und, wie sich noch zeigen würde, eng mit der Scham verbunden.
Wir gingen tiefer auf diese Position ein, befassten uns mit ihr, sammelten Eindrücke.
Im Kern ließ sich die Energie so zusammenfassen:
"Ich schäme mich. Für alles Vergangene und für das, was ich bin. Ich darf nichts sagen, es steht mir nicht zu. Und das macht mich wütend. Doch auch das darf ich nicht sagen. Du, pass auf, fall nicht auf, versteck dich, sonst bist du in Gefahr."
In der Aufstellung entstand ein anderes Bild auf die Mutter: Sie lebte - wie auch ihr einst beigebracht - die Scham nachwirkend als Symptomträgerin aus.
Immerzu war sie peinlich berührt. z.B. dann, wenn Jana Pläne schmiedete, die vom familiären Bild abwichen. Wenn Jana ihren Weg ging, andere stolz auf sie waren und sich für sie interessierten. Wenn Jana nicht "perfekt" funktionierte.
Aus dieser Perspektive bekam auch die Scham der Mutter eine andere Bedeutung.
Sie richtete sich nicht gegen ihre Tochter. Hinter ihr konnte ebenso ein alter Versuch liegen, Jana unterbewusst zu schützen. Und mit ihr auch ihre Weiblichkeit.
So, wie einst Janas Oma ihrer Tochter dasselbe beibrachte. Wie viele Generationen dieses Erbe zurückreicht und in welcher ein "Schlüssel-Ereignis" geschah, blieb an besagtem Termin offen.

WAS SICH NUN VERBINDEN KONNTE
Janas Themen, die wie einzelne Themen ihres Lebens erschien, bekamen einen Zusammenhang. Die erlernten Glaubenssätze und entstandenen Verletzungen ergaben Sinn.
Auch wenn man über das "tatsächliche Trauma" einer Ahnin nur mutmaßen kann, war das Muster des "Erbes" greifbar.
DAS ERBE IN DIR
Eine Ahnenaufstellung beendet das Schweigen
Viele Familien entwickelten die Überzeugung, dass ein Thema irgendwann erledigt sei, wenn niemand mehr darüber spricht. Oft war dieses Schweigen aus Schutz entstanden.
Doch Schweigen beendet keine Geschichte.
Es verändert nur ihre Form. Was bisher keinen Ausdruck finden durfte, sucht sich andere Wege und taucht später auf, wenn niemand mehr mit der ursprünglichen Geschichte rechnet.
Eine Ahnenaufstellung bringt in den Raum, was im Familiensystem lange keinen Platz hatte.
Du hast heute die Möglichkeit hinzuschauen und das Schweigen zu beenden. Für die, die vor dir getragen haben. Und für dich.
AHNENAUFSTELLUNG
Was danach anders werden kann
Dieser Prozess macht nichts ungeschehen, die Vergangenheit bleibt, was sie ist.
Doch es kann sich etwas verändern, wenn du erkennst, was du bisher für selbstverständlich zu dir gehörend gehalten hast.
Gefühle und Muster müssen dann nicht länger als unlösbar oder persönliches Versagen gedeutet werden. Sie können als Teil einer größeren Geschichte verstanden werden.
Was du für eine Schwäche, einen Fehler oder einen Teil deiner Persönlichkeit gehalten hast, kann plötzlich eine Geschichte haben.
Die Familiengeschichte bleibt ein Teil deiner Geschichte.
Aber du musst nicht alles weitertragen, nur weil es vor dir gelandet ist.
Du kannst herausfinden, was zu dir gehört. Was du behalten möchtest. Und was mit dir enden darf.
Möchtest du herausfinden und klären, welches Erbe du heute noch trägst, kannst du diesem Anliegen in einer Aufstellung nachgehen.
Ein eigener Workshop zur Ahnenaufstellung ist bereits in Planung. Bis dahin kannst du dein Anliegen zu einem regulären Aufstellungstermin mitbringen.




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