Transgenerationales Trauma
Aktualisiert: vor 12 Stunden
WENN DU EINE FAMILIENREGEL FÜR DEINE PERSÖNLICHKEIT HÄLST
Transgenerationale Traumata entstehen durch unbewältigte Erlebnisse früherer Generationen und können sich noch heute in uns zeigen. Oft beeinflussen sie unser Leben, unsere Entscheidungen, Beziehungen, unser Selbstbild und Lebensgefühl.
TRANSGENERATIONALES TRAUMA
Was ist das?
Ein Trauma einer früheren Generation.
Verschwiegen und nicht verarbeitet.
Durch das Schweigen konnte daraus ein Verhaltenssystem entstehen.
Aufrechtgehalten und weitergegeben von Generation zu Generation.
Durch die damalige Verschwiegenheit hält sich das Verschwiegene hartnäckig in der Familienenergie und Struktur - im System.
Denn: Nur weil man über etwas nicht spricht, lösen sich die Themen nicht einfach auf.
Das Verschwiegene kann sich hartnäckig in der Familienstruktur halten. Die emotionalen Folgen eines Traumas von damals können in uns weiterleben, obwohl die Nachkommen das ursprüngliche Erlebnis selbst nie erfahren und die Vorfahren nie kennengelernt haben.
Transgenerationale Traumata entstehen durch extrem belastende, unbewältigte Erfahrungen. Krieg. Flucht. Vertreibung. Gewalt. Missbrauch. Vergewaltigung. Armut. Misshandlung. Ausgrenzung. Tod. Verbrechen.
Blieben sie verdrängt, lösten sie eine emotionale Weitergabe aus. Eine unsichtbare Kettenreaktion im Familiensystem.
Leider lässt sich heute nicht so einfach sagen: "Mein Thema der panischen Angst, vor einer Gruppe eine Präsentation zu halten, ist ein transgenerationales. Es kommt daher, weil mein Ur-Großvater seine Todesängste, im Schützengraben entdeckt zu werden, nie verarbeitet hat."
Meistens ist uns unbekannt, welche unverarbeitete Erfahrung im System so schwer wiegt.
DIE AUSWIRKUNGEN
Das Erbe in dir
Die Auswirkungen solcher Kettenreaktionen sind so tief in uns verankert und mit den eigenen Gefühlen, Reaktionen oder inneren Konflikten verknüpft, dass wir sie für unsere eigenen Themen halten. Sie sind in gewisser Weise tatsächlich unsere geworden, denn unser Leben, unser Fühlen und Denken, unsere Prägung ist betroffen, obwohl wir mit den Erlebnissen nicht direkt in Berührung kamen.
Sie zeigen sich häufig als eine Art innere Regel, Glaubenssätze, als ein "das war schon immer so".
Wir denken und handeln nach "Vorschriften" die wir nicht verstehen.
Hierzu ein kurzer Abstecher in die Praxis:
Eines Tages saß eine junge, sehr reflektierte Frau bei mir, Jana. Sie hatte schon so einiges erarbeitet, über sich gelernt und konnte viele ihrer inneren Prozesse gezielt ausdrücken.
An diesem Tag brachte sie sowohl neue Erkenntnisse als auch alte Themen mit, die sie schon sehr sehr lange begleitet hatten.
Eine Erkenntnis war, dass sie Wut in sich trägt. Klingt womöglich unspektakulär, doch für einen Menschen, der dieses Gefühl sein Leben lang von sich fernhielt, ist dies eine bedeutende Erkenntnis. Bis vor kurzem nahm sie diese Wut nicht wahr, weder in sich, noch in ihren bewussten Äußerungen. Überall dort, wo ihre Wut eigentlich anwesend war, entwickelte sich eine Art "blinder Fleck" in der Wahrnehmung.
Doch nun fand die Wut den Weg in ihr Bewusst-sein.
Das andere Thema, was sie bereits lange in verschiedenen Ausdrucksformen kannte, war Scham. Tagtäglich war dieses Gefühl in verschiedenen Formen präsent.
Sei es, das Gefühl "noch nie in das Familiensystem gepasst zu haben" und das Gefühl, dass die Mutter durch die Selbstbestimmtheit ihrer Tochter peinlich berührt war (Jana war die erste weibliche Doktorandin in der Familie)
oder, dass die junge Frau sich manchmal für sich selbst schämte
oder, dass sie sich durch die anhaltende Kritik ihrer Mutter beschämt fühlte.
Doch was hat nun das offensichtlich persönliche und aktuelle mit dem Trauma eines Vorfahren zu tun, den wir vielleicht nicht einmal kennen?
Ganz trocken und nüchtern erklärt:
Durch das Unverarbeitete und Beschwiegene kann eine Art Kettenreaktion entstehen, der alle Nachfahren unterliegen.
Aus einem Trauma wird ein vermeidendes Vorbild. Aus einer Vermeidung wird eine Regel.
Generation "null" erlebt ein Trauma, kann weder darüber sprechen, geschweige denn, es verarbeiten. Das Erlebte hinterlässt Spuren im Innenleben: es können emotionale "Symptome" und womöglich innere Bewältigungsstrategien entstehen. Diese erzeugen für die Nachkommen (Generation "1") eine Atmosphäre, die auf der Gefühlsebene zu "unausgesprochenen" Regeln führt und ähnliche Emotionen und Verhaltensweisen bewirkt. Wenn Generation "2" eine ähnliche Prägung durchläuft, sind die Regeln verinnerlicht, werden ausgeführt und nicht infrage gestellt.
Mit der Zeit und den Generationen "3" oder sogar "4" ändern sich zwar die Zusammenhänge und Auswirkungen, doch das damalige Trauma kann durch das entstandene Familienmuster "am Leben gehalten" werden.
Man könnte also sagen, dass wir unbewusst nicht nur mit unseren eigenen emotionalen Wunden konfrontiert sind, sondern möglicherweise auch etwas aus der Generation "null" weitertragen, ohne davon zu wissen.
Dennoch bleibt die Frage, der heutigen Auswirkungen für uns offen...
Ein transgenerationales emotionales Erbes kann sich in weitaus mehr zeigen wie Wut oder Scham. Auch eine tiefe Angst, Schuld, ein Gefühl jedweder Verpflichtung oder Schwierigkeiten in Beziehungen können für uns "unlösbar" scheinen.
Hast du den intuitiven Verdacht, dass unverarbeitete Erfahrungen in dir spürbar sind, dann suche nach auffälligen Wiederholungen bei den Eltern, den Kindern, Geschwistern, Tanten, Onkel, etc....
Sind mehrere Traumata miteinander verknüpft, höre ich manchmal sogar Sätze wie: "als liegt ein Fluch auf unserer Familie".
Es existieren Behauptungen, dass unverarbeitete Erfahrungen von bis zu 7 Generationen im "System" gespeichert sind.

DIE VERFAHRENE DYNAMIK TRANSGENERATIONALER TRAUMATA
Ist mein Thema ein transgenerationales?
Eine reine Entweder-oder-Antwort gibt es selten.
Nicht jeder familiäre Konflikt, oder innere Zerrissenheit ist ein transgenerationales Trauma.
Die Ebenen sind häufig vielschichtig und miteinander verbunden:
Ein Teil gehört zu deiner eigenen Biografie.
Ein Teil ist durch Erziehung und Prägung entstanden.
Ein Teil kann aus dem Trauma stammen.
Bei Jana zeigte sich eine Verstrickung ganz deutlich, als wir uns inmitten einer intensiven 1:1 Arbeit befanden.
Wir hatten einige aktuelle Positionen gestellt. Eine jedoch hatte es besonders "in sich". Es wurde auf verblüffende und zugleich dramatische Weise deutlich, dass nicht nur die Scham zur Mutter gehörte. Erstmals war dort gewaltige Wut spürbar. Janas Vorarbeit - das Erkennen und Bewusstmachen des "blinden Flecks" - machte es möglich.
Die Wut war also nicht Janas alleinige. Sie war kein Resultat ihren Schmerzes. Diese Wut war älter als sie. Bisher verborgen, verdrängt und wie sich im weiteren Verlauf zeigte, eng verbunden mit der Scham.
Wir gingen tiefer auf diese Position ein, befassten uns mit ihr, sammelten Eindrücke.
Im Kern lässt sich die Energie so zusammenfassen: "Ich schäme mich. Für alles Vergangene und für das, was ich bin. Ich darf nichts sagen, es steht mir nicht zu. Und das macht mich wütend. Doch auch das darf ich nicht sagen. Du, pass auf, fall nicht auf, versteck dich, sonst bist du in Gefahr."
In der Aufstellung entstand ein anderes Bild: die Mutter lebte - wie auch ihr einst beigebracht - die Scham nachwirkend als Symptomträgerin aus.
Immerzu war sie peinlich berührt, z.B. dann, wenn Jana Pläne schmiedete, die vom familiären Bild abwichen. Wenn Jana ihren Weg ging, andere stolz auf sie waren und sich für sie interessierten. Wenn Jana nicht "perfekt" funktionierte.
Aus dieser Perspektive bekam auch die Scham der Mutter eine andere Bedeutung. Sie musste sich nicht gegen ihre Tochter richten. Hinter ihr konnte ebenso ein alter Versuch liegen, Jana unterbewusst zu schützen. Und mit ihr auch ihre Weiblichkeit.
So, wie einst Janas Oma ihrer Tochter dasselbe beibrachte. Wie viele Generationen dieses Erbe zurückreicht und in welcher das "Schlüssel-Ereignis" geschah, blieb an besagtem Termin offen.
Nachdem Jana all dies hörte, fügten sich neue Erkenntnisse, Zusammenhänge und Wiederholungen aneinander:
die Scham und das Bedürfnis perfekt zu sein
sich in Konflikten am liebsten verstecken, besser noch vermeiden
keine Unterstützung in der Entwicklung zur Frau erhalten zu haben
die Energie der Wut unterdrücken
die Schwierigkeit, Zugang zu Männern zu finden
und diese fast undefinierbare innere Reaktion, wenn über Gewalt an Frauen und Kindern berichtet wird
Es ergab plötzlich alles Sinn. Die erlernten Glaubenssätze und entstandenen Verletzungen ergaben Sinn.
Und auch wenn man über das "tatsächliche Trauma" einer Ahnin nur mutmaßen kann, war das Muster des "Erbes" greifbar und ganz klar. Eine "Überlebensregel" welche Janas Vorfahrinnen womöglich übernommen hatten.
Das weitere Bearbeiten der eigenen Themen und das Ordnen der Prägung wird zwar nicht von selbst geschehen, dennoch ist eine andere Grundlage geschaffen. Es kann weiter gehen.
Fühlst du eine starke innere Zerrissenheit und vermutest tiefgehende Verstrickungen, kann etwas tiefgreifendes dahinterstecken.
Ein Hinweis ist die Unverhältnismäßigkeit.
Wenn eine Situation objektiv klein ist, innerlich aber eine massive Reaktion auslöst, lohnt sich der Blick tiefer. Zum Beispiel: Du willst eine harmlose Grenze setzen und fühlst dich, als würdest du jemanden verraten. Du triffst eine eigene Entscheidung und spürst Schuld, obwohl niemand real bedroht ist.
Der zweite Hinweis ist die Wiederholung im System.
Wenn du merkst, dass ein Thema bei dir auftaucht, aber auch bei Mutter, Großvater, Tanten, Geschwistern oder anderen Familienmitgliedern in anderer Form sichtbar war, wird es spannend.
Der dritte Hinweis ist die fehlende biografische Erklärung.
Wenn du in deiner eigenen Lebensgeschichte keinen klaren Ursprung findest, dein Körper oder dein Gefühl aber stark reagiert.
Vor allem dann, wenn du Sätze in dir trägst, die sich alt anfühlen: "Ich darf niemandem zur Last fallen.“ "Hier stimmt was nicht." "Ich muss stark sein.“ "Ich darf nicht mehr wollen.“
Der vierte Hinweis ist die innere Rolle.
Frage dich: Welche Funktion übernehme ich in meiner Familie?
Trage ich Schuld? Halte ich Harmonie? Vermittle ich? Bin ich die/der Starke? Die Vernunft? Die, die immer versteht? Der, der immer versteht? Das Schweigen? Der Zusammenhalt?
Wenn diese Rolle älter ist als deine bewusste Entscheidung, kann oft etwas darunter im Verborgenen liegen.
Auch Ablehnung, umfassende Verantwortungen, Widerstände und Suchtverhalten können auf transgenerationale Aspekte hindeuten.
Eine Aufstellung kann helfen. Dann zeigt sich:
Was gehört zu dir?
Was hast du übernommen?
Was hängt an einer alten Familiengeschichte, die nie betrauert, ausgesprochen oder verarbeitet wurde?
Wichtig:
Unsere Familiengeschichte schwingt mit. Und manches bleibt so lange erstaunlich lebendig, bis irgendwann jemand fragt: Was passiert hier eigentlich seit Generationen?
Und was, wenn nicht nur Familien schweigen?
Ich gehe mit meiner persönlichen Ansicht und Erfahrung noch einen Schritt weiter.
Ich frage mich, ob es neben familiären Mustern auch etwas gibt, das wir als eine Art gesellschaftliches Erbe betrachten können.
Denn transgenerationale Themen haben für mich häufig einen gemeinsamen Ausgangspunkt: Schweigen.
Und was passiert, wenn nicht nur eine Familie gelernt hat zu schweigen, sondern eine ganze Gesellschaft?
Über Tod und Trauer.
Über Missbrauch und den Umgang mit Opfern und Tätern.
Über psychische Instabilität.
Über Angst und Panik.
Über Verletzungen und Trauma.
Über Emotionalität.
Über Scheitern und Misserfolge.
Über Verantwortung und selbstständiges Denken.
Vielleicht entstehen auch auf gesellschaftlicher Ebene Regeln darüber, was gezeigt werden darf, was verborgen bleiben soll und worüber man besser nicht spricht.
Eine Art gesellschaftlicher Glaubenssatz.
DAS ERBE IN DIR
Eine Ahnenaufstellung beendet das Schweigen
Viele Familien entwickeln die Überzeugung, dass ein Thema irgendwann erledigt sei, wenn niemand mehr darüber spricht.
Doch Schweigen beendet keine Geschichte.
Es verändert nur ihre Form. Was bisher keinen Ausdruck finden durfte, sucht sich andere Wege und taucht später auf, wenn niemand mehr mit der ursprünglichen Geschichte rechnet.
Die Aufstellungsarbeit - in diesem Fall eine Ahnenaufstellung - bringt in den Raum, was im Familiensystem lange keinen Platz hatte.
Du hast die Möglichkeit das Schweigen zu beenden und hinzuschauen. Für dich. Und vielleicht auch für die, die vor dir getragen haben. Welch eine Bürde und gleichermaßen Ehre.
AHNENAUFSTELLUNG
Was danach anders werden kann
Dieser Prozess macht nichts ungeschehen, er wird die Vergangenheit nicht ändern und auch nicht alle Themen auf einmal lösen. Aber er erkennt sie an, entlastet, ordnet und schafft gleichzeitig Raum für das eigene Leben in der Zukunft.
Gefühle und Muster müssen dann nicht länger als persönliches Versagen gedeutet werden. Sie können als Teil einer größeren Geschichte verstanden werden. Das verändert viel, weil ein Mensch plötzlich erkennt, dass seine Reaktionen Sinn ergeben und beginnen kann, bewusster mit seinem emotionalen Erbe umzugehen.
KURZER EXKURS
Epigenetik
Wenn von Vererbung die Rede ist, denken viele Menschen zuerst an Geld, Häuser, Schmuck oder alte Familiengegenstände.
Doch Familien vererben weit mehr als Materielles.
Auch die Wissenschaft beschäftigt sich seit Jahren mit der Epigenetik und der Frage, ob schwere Belastungen über Generationen hinweg wirken können. Es wird untersucht, wie Umweltbedingungen und Erfahrungen die Veränderung unserer Gene beeinflussen können.
Extreme traumatische Erfahrungen können Spuren im menschlichen Stresssystem hinterlassen. Bildlich gesprochen: eine Art emotionale DNA, die mehr in uns vorgeben kann, als wir für möglich halten.



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