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Verzeihen und Vergeben - Was ich davon halte

26. Mai
5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 14 Stunden


Warum beschäftigst du dich mit dem Verzeihen? Möchtest du, dass dir verziehen wird? Oder möchte jemand von dir, dass du vergibst?

VERZEIHEN. VERGEBEN.

Kleine Worte mit großer Bedeutung

Oder mit großer Last?

Es gilt als Ausdruck von Reife, Größe, innerem Frieden und menschlicher Entwicklung. Wer verzeiht, erscheint versöhnt. Wer nicht verzeiht, gerät schnell in den Verdacht, festzuhalten, nachtragend zu sein oder sich einer notwendigen Entwicklung zu verweigern. Oder schlimmer noch: familliären Frieden zu verwehren.


Doch was viele nicht beachten: Allein durch die Worte "ich verzeihe" ist es nicht getan.


Verzeihen ist ein innerer Prozess und keine Entscheidung, die du einfach aussprichst und damit ist alles erledigt.


Besonders schwierig, wenn Verzeihen als Ratschlag den Weg zu dir findet oder sogar von dir erwartet wird.


Ein vorschnelles Verzeihen birgt die Gefahr, einen wichtigen Teil deiner eigenen Entwicklung zu überspringen. Dann wird so getan, als hätte man ein schmerzhaftes Thema endlich abgehakt....

Du kannst dich bewusst dazu entscheiden, verzeihen oder vergeben zu wollen. Doch manchmal braucht es Zeit und innere Arbeit, bis sich innerer Frieden entwickelt.



KLEINER EXKURS

Verzeihen ist immer ein gegenseitiger Prozess. Ja, beim Verzeihen geht es um Beziehung. Es setzt voraus, dass derjenige, der um Verzeihung bittet, Reue zeigt, sich seiner versäumten Verantwortung bewusst geworden ist und die Wirkung seines Handelns nicht länger von sich wegschiebt.

Vergeben hingegen bedeutet, dass allein die "Gnade" des Verletzten waltet. Ein einseitiger Schritt, bei dem du etwas in dir ordnest, um abzuschließen und deinen inneren Frieden zu finden.


Im Alltag werden beide Begriffe oft gleich verwendet. Deshalb nutze ich sie in diesem Beitrag ebenfalls synonym, da dieser Artikel beide betrifft.



verzeihen und vergeben


DER DRUCK

"du solltest endlich mal verzeihen"

Verzeihen als eine Aufforderung zu erleben, kann enorm viel Druck erzeugen. Die Aufforderung dahinter lautet häufig:

„Beende endlich den Konflikt, damit es für mich leichter wird.“

Nicht selten beginnt dann eine innere Kettenreaktion. Ursprungsthemen wie Versagen, Verlust, Verantwortung, Schuld Verpflichtung oder Wut können sich zuspitzen, wenn durch die Aufforderung ein einengendes, müssendes Gefühl eintsteht.

Die Gefahr liegt darin, dir selbst einzureden, du müsstest lieben und verzeihen. Daduch verurteilst du schnell selbst oder geräts in die ungewollte Verdrängung.

Du bringst dir selbst das Zweifeln bei. Du bringst deine Gefühlswelt und deine Wahrnehmung zum Schweigen. Im Umkehrschluss nimmst du dir selbst das Recht auf eigene Gefühle und Gedanken...

Und tust am Ende vielleicht wieder genau das, was von dir verlangt wird.

Wenn du dich bereits auf deinem eigenen Entwicklungsweg befindest, kann die Aufforderung zum Verzeihen spürbaren inneren Widerstand hervorrufen oder vielleicht innere Konflikte erzeugen.

Warum? Weil sich etwas in dir wehrt. Zu Recht. Und das darfst du erforschen.


Verzeihen auf Kommando ist Unterdrückung. Wer dir sagt, du musst verzeihen, will häufig - wenn auch unterbewusst - dass du aufhörst, darüber zu sprechen, zu reflektieren, zu fühlen. Dass du aufhörst, zu benennen was dich verletzt hat.

Aber was, wenn genau das erstmal für dich "dran ist".

Verzeihen ist ein Prozess, der manchmal auch schlicht damit endet, loszulassen, was einen schmerzt.

Schritte in deiner Krisenbewältigung oder Entwicklung zu übergehen, bringt dich nicht weiter. Ohne diese Themen anzuschauen, kannst du im Herzen kaum zur Ruhe kommen.


ES HAT EINEN GRUND, DASS DANKBARKEIT, LIEBE UND VERZEIHUNG GERADE NICHT "MÖGLICH" SIND..... 

UND MANCHMAL GIBT ES SOGAR DINGE, DIE MAN NICHT VERZEIHEN ODER VERGEBEN KANN.


DIE ANDERE SEITE

Motive der Aufforderung

Wenn Jemand bewusst sagt, du solltest (mir) verzeihen, dann läuft was schief.

Dann hat dieser Mensch womöglich nicht verstanden, worum es beim Prozess des Verzeihens oder Vergebens eigentlich geht. Vielleicht hat er seine eigene Absicht nicht geprüft, oder stellt seinen Wunsch nach Entlastung in den Vordergrund.

Dann kann es sein, dass nicht dein innerer Frieden gemeint ist, sondern seine Entlastung.

Vielleicht erwartet dieser Mensch, dass du dich wieder beugst. Dass du deine Wahrnehmung zurücknimmst. Dass du mit dem Verzeihen den Konflikt beendest, damit seine Welt wieder stimmt.


In meiner Arbeit begegnet mir Verzeihen häufig an Stellen, an denen es weniger um Aufarbeitung geht als um die Erhaltung eines alten System.

VERZEIHEN DARF NIEMAND VON DIR EINFORDERN

Tut es jemand trotzdem, zeigt es häufig die unbearbeiteten Themen dieser Person.

Eventuell hat dieser Mensch selbst die Abkürzung der Verdrängung oder Überdeckung gewählt.

Dann heisst es womöglich: ´ich habe das längst verziehen. Da gibt es nichts weiter zu besprechen. Es ist aus der Welt. "Alles gut".`

Und dasselbe wird von dir erwartet.


Doch werden Schritte übersprungen, zieht es in das alte System der Verletzung zurück.

Manch einer möchte womöglich mit deinem eingeforderten Verzeihen seine eigene Absolution erlangen, Bestätigung erfahren oder seine Position behalten. Das hat wenig mit echter Aufarbeitung zu tun. Es zeigt eher, wie "verkehrt" dieses kleine große Wort verstanden werden kann.


Die Gefahr besteht:

Wenn du schnell und oberflächlich vergibst, verzeihst du nur für Harmonie.

Hier wird schnell das Thema der Grenzen relevant. Ich habe oft erfahren, dass das Fehlen von gesunden Grenzen in bestimmten Kontexten wie eine "Einladung zur Wiederholung" wirken kann.



ANREGUNG ZUM REFLEKTIEREN

An die Menschen, die Verzeihen einfordern

Wer Verzeihen einfordert, sollte sehr genau prüfen, welchem Bedürfnis diese Forderung dient.

  • Geht es wirklich um den verletzten Menschen?

    Oder geht es darum, dass endlich Ruhe ist?

  • Geht es um Verantwortung?

    Oder um Entlastung?

  • Geht es um ehrliches Verstehen?

    Oder darum, dass der andere seine Verletzung nicht mehr zeigt?


Wer Verzeihen verlangt, ohne die Verletzung verstanden zu haben, fordert im Grunde Schweigen. Der Schmerz soll verschwinden, damit das eigene Bild wieder stimmt. Der Konflikt soll enden, ohne dass die Ursache berührt wird.

Aber: das wäre Druck im Gewand von Reife.

Gerade in Familien, Partnerschaften oder alten Systemen wird Verzeihen oft dort verlangt, wo eigentlich Verantwortung nötig wäre. Der verletzte Mensch soll den Frieden herstellen, obwohl er nicht derjenige war, der ihn zerstört hat.

Vielleicht fände sich auch ein Weg, die Sicht des anderen nachzuvollziehen...?

Verzeihen darf nie zur Pflicht werden.



ÜBERGEH DICH NICHT SELBST

was Verzeihen eigentlich bedeutet

Verzeihen bzw. vergeben ist ein "Geschenk" an dich selbst. Nicht für den, der es fordert.

Wenn du für dich, nur für dich, verzeihen kannst, kann daraus ein sehr befreiendes Gefühl entstehen.. Als positive Konsequenz deiner Arbeit und Reflektion, deiner Bereitschaft, das Geschehene anzuschauen und dich auf den Frieden einzulassen.

Und da liegt der entscheidende Punkt:

Verzeihen ist ein Prozess. Und der ist nicht von heute auf morgen erledigt. Du wirst selten einfach so verzeihen können, was tief in dir sitzt. Schon gar nicht, weil dich jemand darum bittet, es dir rät oder es von dir erwartet.


Auf dem Weg des Verzeihens wirst du möglicherweise mit deinen eigenen, noch verborgenen, Themen konfrontiert. Mit Konflikten. Mit deiner Verletzung.

Wenn du klarer sehen kannst, was passiert ist, was es in dir ausgelöst hat und welche Verantwortung tatsächlich zu dir gehört – und welche nicht - wird Verzeihen häufig dann erst möglich,

Und manchmal endet der Prozess des Verzeihens auch mit Loslassen oder Abschließen.


Löst "Verzeihen und Vergeben" einen inneren Widerstand in dir aus, geh nicht darüber hinweg. Schau hin. Genau dort kann etwas liegen, das für dein Weiterkommen wichtig ist.


Gib auf dich acht, wenn du dazu neigst, innere Prozesse zu erzwingen, um anderen gerecht zu werden.

Nimm dir die Zeit, die dein Thema und deine Verletzung brauchen. Der Rest entwickelt sich automatisch.


Wenn ich verziehen habe, sind die verziehenen Angelegenheiten nicht ungeschehen. Sie sind Teil meiner Erfahrungen, die mich geprägt und deren Betrachtung mich haben entwickeln und reifen lassen.

VERZEIHEN BEDEUTET NICHT, ZU VERGESSEN.

 
 
 

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